Jane’s Walk im Emmertsgrund

Projektbeteiligte und Mitlaufende hören den Sprecherinnen des Jane’s Walk (l.) vor der ersten Station Emmertsgrundpassage 1 zu. In der Mitte Sozialbürgermeisterin Stefanie Jansen (schwarzer Mantel). Bildmontage: hhh
Projektbeteiligte und Mitlaufende hören den Sprecherinnen des Jane’s Walk (l.) vor der ersten Station Emmertsgrundpassage 1 zu. In der Mitte Sozialbürgermeisterin Stefanie Jansen (schwarzer Mantel). Bildmontage: hhh

Jane’s Walk im Emmertsgrund – Eindrücke einer alten weißen Frau

Damit hatten die Teilnehmerinnen völlig recht

Natürlich hatten die Mädchen und jungen Frauen recht, die neulich gemäß dem amerikanischen Format „Jane’s Walk“ durch „ihren Stadtteil“ führten: Die Strecke vom Spielplatz vor Passage 1 bis zum Einkaufszentrum im Forum 5 ist Teil eines Quartiers im Emmertsgrund, in dem es seit Jahrzehnten die meisten Klagen über Lärm, Pöbeleien und Müll gibt. Danach gefragt, was die Ursache beispielsweise von Ratten- und Kakerlakenaufkommen sein könne, kamen die Jugendlichen um die Antwort „Leute, die da wohnen“ nicht herum.

Damit hatten die Teilnehmerinnen nicht recht

Nicht recht hatten die „Janes“ damit, dass nichts gegen die Missstände getan würde. Dafür hätten sie ihren Begehungsradius nur geringfügig erweitern müssen. Dann wären ihnen bei ihrem kritischen Blick auf Spielplätze bestimmt positiv der neue Basketballplatz, die Kinderbaustelle, der Wasserspielplatz und der gerade eingeweihte Spielplatz südlich des Jellinekplatzes aufgefallen. Mit Ausnahme des letzteren alles in kürzester Fußläufigkeit von der Passage aus.

Die Emmertsgrundpassage ist nicht der Emmertsgrund

Der Emmertsgrund besteht nicht nur aus der Passage, auch wenn das in der Öffentlichkeit wieder einmal so dargestellt wurde. Trotzdem oder gerade deshalb zeigen sich etliche Bewohner:innen aus anderen Quartieren solidarisch mit der Passage. Das sind beispielsweise ehrenamtlich Mitarbeitende bei Stadtteilverein, Kulturkreis, Stadtteilzeitung, Bezirksbeirat oder HeidelBERG-Café. Deren Erfahrungen hätte man einholen und in die Workshops integrieren können, die dem Jane’s Walk vorausgingen. So hätte manche objektiv falsche Behauptung über den Stadtteil („langweilige und vermüllte Spielplätze“, s.o.) gar nicht erst die Runde gemacht.

Man hätte sich auch nicht unbedingt so ausgiebig der gefühlten Unsicherheit der jungen Frauen widmen brauchen. Der Vorschlag aus dem Publikum, eine Art Bürgerwehr einzuführen, wäre dann überflüssig geworden. Denn der Emmertsgrund ist lauf Kriminalstatistik einer der sichersten Heidelberger Stadtteile. Was einer Frau hier widerfahren kann, passiert auch anderswo.

Wichtiger wäre gewesen, sich Gedanken über die real existierenden Probleme zu machen bis hin zu dem Vorschlag, sich einer der oben genannten Gruppen anzuschließen. Die suchen seit langem händeringend nach jungen Ideengeberinnen und Ideengebern, die sich aktiv in das Stadtteilleben einbringen wollen. Sie dazu zu motivieren oder ermächtigen (Empowerment!), hätte ein weiteres Ziel des Formats sein können. Generationen übergreifend könnte man voneinander lernen. Stattdessen verharren alle in ihrer eigenen Blase.

Denken in rassistischen Klischees?

Die Veranstalter des Jane’s Walk, „Social Meets Culture“, Mannheim, und Mosaik Deutschland samt der SPD vor Ort und vom Amt für Chancengleichheit hätten eine Vermittlerrolle übernehmen können, als eine der jugendlichen Sprecherinnen schon bei der Einführung zum Projekt den Imagefilm des Stadtteilvereins als „rassistisch inspiriert“  mit nur „weißen blonden Menschen“ bezeichnete. In der Tat ist der Film aus der Perspektive derer entstanden, die wohlwollend den gesamten Stadtteil im Blick haben. Er zeigt die Heimat verschiedener Menschengruppen deutscher und anderer Herkunft, die gern im Stadtteil wohnen.

Empowerment als Ziel des Jane’s Walk

Die Ermächtigung der Mädchen und jungen Frauen zur Selbstwirksamkeit war Ziel der Begehung. Die Janes aus der Passage oder woher auch immer fassten den Mut, in der Öffentlichkeit ihre Stimme zu erheben. Das ist für sie und die Veranstalter gewiss ein erster Erfolg. Der zweite, weiterführende Erfolg könnte sein, sie (und ihre Eltern?) zu ermutigen, aus ihrer Opferrolle herauszukommen. Dann könnten sie (und ihre Eltern?) helfen, Brücken zu bauen über Gräben, die zweifelsohne bestehen. Aber nur so kann es ein Miteinander geben, bei dem alle an einem Strang ziehen, zum Wohl des gesamten Stadtteils.

Die Stadt, das sind wir!

Sozialbürgermeisterin Stefanie Jansen ist zu wünschen, dass wenigstens einige der jungen Emmertsgrunderinnen ihrer Einladung ins Rathaus folgen. Dort könnten sie erfahren, was eine Stadtverwaltung leisten kann und wann die Bürger selbst gefragt sind. Denn die Stadt, das sind wir alle. Vielleicht kann dank dieser Erkenntnis das anfangs verkündete Ziel des Jane’s Walk konkrete Wirkung entfalten: die Dinge im Stadtteil, wo nötig und möglich, besser machen.

Übrigens: Die Namensgeberin der „Nachbarschaftsspaziergänge“, Jane Jacobs, war eine weiße blonde Frau. 

Text und Fotos: Karin Weinmann-Abel

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