Als ein Foto zu einer Komposition inspirierte

Steve Reichs Stück „Different Trains“: Vortrag im Augustinum zum Holocaust-Gedenktag über ein musikalisches Mahnmal

Ein Foto, das auf der ganzen Welt bekannt wurde, inspirierte den US-Komponisten Steve Reich in den 1980er Jahren zu einem einzigartigen Werk: Die Aufnahme zeigt einen kleinen Jungen mit angsterfüllten Augen und erhobenen Händen, der während des Aufstands im Warschauer Ghetto 1943 zusammen mit anderen Menschen von deutschen Soldaten aus einem Gebäude getrieben wird. „Er hat eine Mütze auf und kurze Hosen an. Er sieht genauso aus wie ich in dem Alter“, bemerkte der aus einer deutsch-jüdischen Familie entstammende Reich. Seine berühmte Komposition „Different Trains“ wurde zur künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Holocaust, einem musikalischen Mahnmal, das jetzt Max Hilker in einem kenntnisreichen Vortrag in der Seniorenresidenz Augustinum vorstellte.

Den Rahmen der Veranstaltung bildete der Internationale Holocaust-Gedenktag 2026, zugleich war es der Auftakt einer Reihe zum 50-jährigen Bestehen des Augustinums, in der nach den Worten von Direktor Uwe Hinze Mitarbeiter des Hauses von ihren persönlichen Themen berichten. Für Max Hilker, Kulturreferent der im Emmertsgrund gelegenen Seniorenresidenz, ist Steve Reichs „Different Trains“ ein vielschichtiges Werk, das mahnt und zum Nachdenken anregt: „Es ist eines der beeindruckendsten musikalischen Denkmäler, die ich kenne.“ Zugleich sei das Stück aktuell wichtiger denn je und enthalte erschreckende Bezüge zur Gegenwart.

Steve Reich, geboren 1936 in New York, darf mit Fug und Recht als einer der großen Komponisten unserer Zeit bezeichnet werden. Ein biografisches Detail führt, wie Hilker schilderte, zu den Hintergründen seiner Komposition „Different Trains“: Als Kind pendelte er in Begleitung seiner Gouvernante zwischen 1939 und 1942 häufig mit dem Zug zwischen New York und Los Angeles, um jeweils Zeit mit den getrennt lebenden Eltern zu verbringen – beide hatten das Sorgerecht. Diese für einen kleinen Jungen aufregende Erfahrung des Eisenbahnfahrens gewann für Reich eine andere Dimension, als er sich bewusst machte, dass er als Jude „in andere Züge hätte steigen müssen“, wenn er zur Zeit des Nationalsozialismus in Europa gewesen wäre.

Im Alter von 52 Jahren nahm er das „Zug-Thema“ in seiner ungewöhnlichen Komposition auf, indem er eine Klang- und Streichquartett-Collage mit eingespielten Geräuschen von Zügen, Stimmaufnahmen seines Kindermädchens, eines Zugschaffners und dreier Holocaust-Überlebender schuf. Auch Sirenen als Merkmal des Krieges sind in dem 27 Minuten dauernden, in drei Sätzen angelegten Werk eingebaut, das dem Publikum im Augustinum im Anschluss an den Vortrag vorgespielt wurde. Steve Reich hat, wie Hilker erläuterte, das ganze Stück sowohl um die Geräusche als auch die Sprachaufnahmen herumkomponiert. Ebenso wie die kurzen, rhythmischen Tonfolgen werde der Text ständig wiederholt: „Die Bedeutung des Textes bleibt, aber gleichzeitig wird die Stimme zu einem Instrument.“

Der musikalischen und inhaltlichen Dramatik, der ungeheuren Intensität des entgegen allen Hörgewohnheiten komponierten Stückes „Different Trains“ konnte man sich kaum entziehen. Ein denkwürdiger Abend im Augustinum, der still endet. Im dritten und letzten Satz hört man die Stimme von Paul, einem der drei in die USA emigrierten Holocaust-Überlebenden: „… and the war was over (… und der Krieg war vorbei).“ Rachella fragt: „Bist du sicher?“

Text: Arndt Krödel (aus: Rhein-Neckar-Zeitung, 30.01.2026)
Fotos: Wikicommons (Warschauer Ghetto) / Robert Weis-Banaszczyk (Bild vom Vortrag)

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