Gedanken zum Sommertagsumzug 2026.
Wir können zutiefst dankbar dafür sein, dass wir in einem Land leben, in dem die Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen freiwillig ist. Niemand wird gezwungen, an einer Parade mitzuwirken, mit Fähnchen zu winken und irgendwelchen politischen oder religiösen Führern zuzujubeln. Wer Sport- oder Pop-Idolen feiern möchte, hat die freie Auswahl. Wer keine Lust hat, der bleibt zuhause oder geht woanders hin.
Das Angebot ist riesig und von einer unglaublichen Vielfalt. In Heidelberg und seinen Stadtteilen bieten Ehrenamtliche und Profis den Mitbürgern beinahe täglich Möglichkeiten, sich zu treffen, sich auszutauschen, das Leben zu gestalten und sich zu freuen.
Ob sich die Mitbürger wohl der Tatsache bewusst sind, dass solche Veranstaltungen nicht einfach so daher flattern? Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung kosten viel Arbeit und Mühe: Lebenszeit, die Einzelne für ihre Mitbürger aufbringen.
Um den Sommertagsumzug zu realisieren, haben mindestens zwei Dutzend Erwachsene mitgewirkt. Es wurde organisiert, abgesprochen, Genehmigungen eingeholt, Sicherheitsmaßnahmen getroffen, ein Schneemann gebaut und transportfähig gemacht, die typischen Lieder von einer Kapelle einstudiert und vorgetragen, Plakate entworfen und aufgehängt. Erzieher haben bei dem Basteln der Stecken geholfen und erklärt, worum es geht, haben in ihrer Freizeit am Sonntag die Kinder begleitet, haben den Schulhof zur Verfügung gestellt, Eltern und Freunde der Grundschule haben Getränke kaltgestellt und Waffeln gebacken, es wurden Bänke und Absperrungen transportiert. Die Stadt hat einen finanziellen Zuschuss gewährt. 300 große Brezeln wurden gebacken und verschenkt.
Ein Angebot an alle 621 Kinder unter 10 Jahren im Stadtteil (Stand 2024, bei 6.800 Mitbürgern im Stadtteil). Es kamen vielleicht 50 Kinder mit ihren Eltern.
Es war trotzdem eine nette Veranstaltung und die Vorbereitung machte Spaß. Aber: Wenn Angebot und Nachfrage sich nicht decken, muss man kritisch fragen: Macht das noch Sinn? Nicht mehr zeitgemäß? Woran liegt es? Zu wenig Werbung? Zu schlechtes Wetter? Falsche Jahreszeit? Falscher Termin? Ökologisch bedenklich? Zu viele alternative Freizeitangebote? Zu wenig Interesse, andere Menschen außerhalb der eigenen Familie zu treffen? Zu unbequem? Zu wenig „Action“? Zu wenig Bezug zur eigenen Kultur? Zu wenig moderne Musik? Zu wenig professionelle Unterhaltung? Was nichts kostet, ist nichts wert?
Angebot und Nachfrage: Ob es im nächsten Jahr noch einen Sommertagsumzug geben wird?
Text: Peter Hammacher



