Sie habe schon befürchtet, Jochen Hörisch werde im Emmertsgrund incognito auftreten, so wie einst Johann Wolfgang von Goethe in Rom, scherzte Letizia Mancino-Cremer, Vorsitzende der Heidelberger Goethe-Gesellschaft, zu Beginn des Vortrags des bekannten Literatur- und Medienwissenschaftlers auf dem Berg. Eine technische Panne, welche dazu geführt hatte, dass sein Vortrag am 27. Oktober im Medienzentrum Emmertsgrund nicht in der Rhein-Neckar-Zeitung angekündigt worden war, führte aber nicht zu leeren Reihen. Im Gegenteil: Den ehemaligen Ordinarius für Neuere deutsche Literatur und Medienanalyse an der Universität Mannheim (1988 bis 2018) kennen viele aufgrund seiner Rundfunkpräsenz und seiner Eloquenz weit über das Hochschulmilieu hinaus. Folglich waren HeidelBERG-Café und Medienzentrum bestens besucht, als der gebürtige Norddeutsche über Goethe und das Geld sprach.
Geld sei ein zentrales Motiv in der Literatur, so Hörisch, angefangen bei Sophokles‘ antiker Tragödie Antigone (442 v. Chr.) über William Shakespeares Komödie Der Kaufmann von Venedig (1600), Gustave Flauberts Gesellschaftsroman Madame Bovary (1857), Fjodor Dostojewskis Roman Der Spieler (1866) bis hin zu Thomas Manns Roman über den Verfall des hanseatischen Großbürgertums Die Buddenbrooks (1901).
Auch bei Johann Wolfgang von Goethe, der mit großem Interesse Adam Smiths ökonomisches Hauptwerk An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations (1776) gelesen hätte, sei das Geld ein kapitales Thema. So habe schon der Protagonist seines ersten Bestsellers, des Briefromans Die Leiden des jungen Werthers (1774), einen, so Hörisch, „telling name“, denn der Wert werde bereits im Titel angesprochen. Wilhelm Meister (aus den Bildungsromanen Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1795/96 und Wilhelm Meisters Wanderjahre, 1829) könne „just in time“ ein großes Erbe antreten und in dem Roman Die Wahlverwandtschaften (1809) stehe gleich im ersten Satz, dass Eduard ein „reicher Baron im besten Mannesalter“ sei. In seiner Tragödie Faust (1808) sei das Thema Geld schließlich allgegenwärtig und kulminiere in der Papiergeldszene zu Beginn von Faust II (1832), die bis heute an Aktualität nichts eingebüßt habe.
Johann Wolgang von Goethe plagten zeitlebens keine Geldsorgen. Der Dichter, der hauptberuflich Finanzminister in Weimar war, sorgte dort für einen ausgeglichenen Haushalt und schaffte es, das kleine Fürstentum zu einer bekannten Marke zu etablieren. Doch für was gab der gebürtige Frankfurter das meiste Geld aus? Nicht für Kleidung und auch nicht für Reisen, sondern für Wein aus seiner Heimat Rheinhessen!
So passte es zum Schluss natürlich bestens, dass der in Schriesheim-Altenbach lebende Referent als Dank zwei Flaschen aus den Emmertsgrunder Weinbergen mit nach Hause in den Odenwald nehmen durfte. „Das ist das Trinkgeld für den unbezahlbaren Vortrag“, scherzte Letizia Mancino-Cremer. Wer das Thema Goethe und das Geld vertiefen möchte, dem seien Jochen Hörischs Bücher Gott, Geld und Glück (1983), Kopf und Zahl. Die Poesie des Geldes (1996), Gott, Geld, Medien (2004) und Man muss dran glauben. Die Theologie der Märkte (2013) ans Herz gelegt.
Magali Nieradka-Steiner
Foto: Dmytro Sakhno



