Chorkonzert mit kritisch-sensibler Einordnung
Der Heidelberger Motettenchor war schon mehrfach zu Gast auf der Bühne im Augustinum Heidelberg. Auch am 2. Juli 2026 präsentierte das Ensemble unter der Leitung von Hans Jochen Braunstein ein anspruchsvolles Programm. Neben dem musikalischen Niveau überzeugte der Motettenchor mit einer kritischen Einordnung des Hauptwerkes.
Chor und Klavier als gleichwertige Partner
Neben Werken von Gabriel Fauré, Hugo Distler und Morten Lauridsen standen bei diesem Konzert die “Zigeunerlieder” op. 103 von Johannes Brahms im Zentrum. Hier begeisterte vor allem auch die Pianistin Kyeyoung Lim – der Klavierpart dieser Lieder ist weit mehr als eine bloße Chorbegleitung. Kyeyoung Lim meisterte die schnellen Läufe, kontrapunktischen Stimmen und rhythmischen Schwierigkeiten, ohne sich dabei in den Vordergrund zu stellen. Sie agierte als gleichwertige Partnerin zum ebenfalls anspruchsvollen Chorgesang.

“Zigeuner”?!
Das Wort „Zigeuner“ muss heute als diskriminierend eingeordnet werden. Daher setzte sich der Heidelberger Motettenchor intensiv mit dieser Thematik auseinander und beschrieb die historische Problematik im Programmheft sowie in der Konzertankündigung.
Als Johannes Brahms am Ende des 19. Jahrhunderts seine „Zigeunerlieder“ komponierte, stand die Bezeichnung für eine im Bürgertum weit verbreitete Sehnsucht nach Freiheit, Naturverbundenheit und Leidenschaft. Aufgrund einer enthusiastischen, nationalen Strömung wurde „Zigeunermusik“ außerdem oft fälschlicherweise mit ungarischer Volksmusik gleichgesetzt. Dies sorgte für die große Popularität und Beliebtheit von Brahms’ Werk.
Doch während diese Stereotype in Kunst, Musik und Literatur gefeiert wurden, war die Lebensrealität der Sinti und Roma von zunehmender Ausgrenzung und Diskriminierung geprägt. Dies verschlimmerte sich im Lauf der Jahrzehnte und führte unter anderem zur systematischen Verfolgung und zum Völkermord durch die Nationalsozialisten.
Sprachsensibilität und historische Benennungen
Sprache schafft Wirklichkeit. Wenn eine betroffene Minderheit einen Begriff als verletzend wahrnimmt und dies mit Verfolgung und Ermordung aus ihrer eigenen Geschichte belegt, sollte man dies respektieren und in diesem Fall von “Sinti und Roma” sprechen. So empfiehlt es auch der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma.
Gleichzeitig darf ein Werk wie Brahms’ “Zigeunerlieder” auch als solches benannt werden, aber eben nicht unkommentiert stehen bleiben. Der Heidelberger Motettenchor zeigte, wie ein solch differenzierter Umgang gelingen kann.
Konzertvorschau
Man darf sich auch schon den nächsten Konzerttermin vormerken: Am Donnerstag, 1. Juli 2027 tritt der Heidelberger Motettenchor wieder im Augustinum auf – geplant ist der Liederzyklus „From the Bavarian Highlands“ von Edward Elgar.
Text: Max Hilker
Bilder: Nico Rademacher / studio visuell Heidelberg




