Die Nahversorgung ist eine Sisyphos-Aufgabe
Boxberger haben keinen Lebensmittelladen mehr
Von Andrea Schliwa und Hans Hippelein
Hocherfreut war die Initiative „Bürger für den Berg“ aus Bewohnern und Bewohnerinnen der Bergstadtteile im Herbst 2009, als sich der Gemeinderat gegen das Dreizentren- bzw. Dreimärkte-Konzept für die Lebensmittel-Nahversorgung auf dem Berg aussprach. Dieses Konzept sah einen großen Markt zwischen den Stadtteilen, den sogenannten „Mittelmarkt“ vor, von dem aus auch die beiden Lebensmittelmärkte in den Stadtteilzentren beliefert werden sollten. Die „Bürger für den Berg“ lehnten den Mittelmarkt ab. Sie waren überzeugt, dass die Läden im Boxberger Iduna-Center und im Emmertsgrunder Forum trotz deren geringer Verkaufsfläche überleben würden. Weshalb klappte das im Iduna-Center nicht, und wie könnte die Nahversorgung im Boxberg gerettet werden?
Erfolgreicher Start im Boxberg
In den 1960er und 1970er Jahren wurde im Boxberg das Iduna-Zentrum mit Geschäften, Praxen und diversen anderen Einrichtungen gebaut. Um das Zentrum verstärkt zu beleben, wurden die ebenerdigen Gebäude aufgestockt und um rund 100 Wohnungen und Appartements vergrößert. Das Konzept war lange erfolgreich, denn das Iduna-Center bot vielfältige Angebote wie einen Supermarkt, Apotheke, Restaurant, Banken, Arztpraxen, Postfiliale und mehr. Mit dem Bau des Einkaufszentrums im Gewerbegebiet Rohrbach Süd um 1970 ereilte den Stadtteil Boxberg jedoch eine Entwicklung, die bundesweit festzustellen war: Die örtliche Nahversorgung konnte mit dem sich immer mehr verändernden Wohn- und Lebensstil der Bewohner sowie der Etablierung von Einkaufszentren außerhalb des Stadtteils nicht Schritt halten.
Die Abwärtsspirale
Eine Abwärtsspirale setzte sich in Gang: Immer mehr Geschäfte mussten aufgrund ausbleibender Kundschaft schließen. Weniger Geschäfte bedeuten jedoch auch geringere Attraktivität des Standortes, was im Verlauf immer weniger Interesse von Kunden am Besuch des Iduna-Centers nach sich zog. So kam es 2010 zur Schließung des damaligen Edeka-Marktes, der für alle anderen ansässigen Geschäfte für Laufkundschaft gesorgt hatte. Schon im Herbst des Jahres 2010 folgte „Ihre Kette Extra Markt Bulut“.
Zu Beginn des Jahres 2025 kam es nach weiterem Rückgang der Kundenfrequenz aufgrund eines mehr und mehr reduzierten Warenangebots zur endgültigen Schließung des Marktes. Das Amt für Wirtschaftsförderung bemüht sich um einen Nachmieter für den leer stehenden Markt. Intensive Bemühungen gibt es auch seitens des Boxberger Bezirksbeirates.
Erfolgsrezept Emmertsgrund
Auf der Emmertsgrunder Seite verlief die Sache zunächst ähnlich: Nachdem der Edeka-Lebensmittelmarkt im Forum 2001 wegen der größer werdenden Konkurrenz durch das in Rohrbach-Süd wachsende Gewerbegebiet geschlossen hatte, gab es mehrere Anläufe zur Lösung des Problems. Die CDU etwa unterstützte die Ansiedlung des Discounters Lidl auf der Wiese beim ISG-Hotel. Dagegen protestierten jedoch zahlreiche Bürger aus Angst vor der totalen Verödung ihrer Einkaufszentren. Der Gemeinderat stimmte dagegen. Also vermietete der vorläufig ins Forum eingezogene Lidl, vertraglich bereits gebunden, an einen auf russische Waren fokussierten Markt und ließ nach dessen Auszug den Verkaufsraum lange Zeit leer stehen. Nach dieser Blockade kam das anfangs genannte Dreimärkte-Konzept mit Rewe als Lieferant für alle drei Märkte ins Gespräch. Das von der Stadt unterstützte Vorhaben fand allerdings nach Einspruch der Bürgerinitiative nicht mehr die Zustimmung der Mehrheit im Gemeinderat (s.o.).
Nun setzte sich der frühere Emmertsgrunder Stadtrat Roger Schladitz (SPD) dafür ein, dass die Stadt 2007 die Immobilie im Forum überaus günstig kaufen konnte, wonach sich dort der sozial ausgerichtete aqb-Markt „nahkauf “ mit Rewe als Lieferant ansiedelte. Dieser hält seit seiner Sanierung Ende 2025 nun auf vergrößerter Verkaufsfläche ein weitaus breiteres Angebot vor.
Neues Konzept für den Boxberg
Wie die Lebensmittel-Nahversorgung im Stadtteil Boxberg gerettet werden könnte, fragte die Redaktionsleitung der Em-Box in einem Gespräch mit Matthias Friedrich, beim Amt für Wirtschaftsförderung für Einzelhandelsentwicklung und Nahversorgung zuständig, und Peter Hoffmann vom Amt für Stadtentwicklung und Stadtplanung. Ob denn unter den gegebenen Umständen noch die Chance bestünde, das ehemals geplante Dreimärkte-Konzept für die Bergstadtteile wieder aufzulegen. Die Antwort: „Dafür haben wir keinen Auftrag aus der Politik“.
Doch es zeichnet sich eine andere Lösung ab: Nach einem 2022 vom Gemeinderat beschlossenen „Einzelhandelskonzept für Heidelberg“ wurde die Stadtverwaltung beauftragt, einen Standort für einen konkurrenzfähigen Lebensmittelmarkt im Boxberg zu suchen. „Es müsste ein Markt sein, an dem die Menschen auch ihren Wochenendeinkauf machen“, so Hoffmann; wo man zum Einkauf also nicht mehr ins Tal fährt und auf dem Berg nur kauft, was man vergessen hat; ein Markt, „so groß wie nötig, und so klein wie sinnvoll“, ergänzt Friedrich.
Nun wurde man fündig. Das sogenannte „Garagengelände“ liegt zwischen dem Boxbergring und der Straße ‚Am Waldrand‘. Es gehört der Stadt und hat eine Fläche von 5528 Quadratmetern, wovon knapp 1900 auf eine Garagenanlage mit Zufahrt entfallen. Ein dort zu errichtendes Gebäude könnte mehrgeschossig sein, mit einem auf Lebensmittel fokussierten Supermarkt im Erdgeschoss und Wohnungen in den oberen Etagen. Kleinere Einzelhandelsgeschäfte mit unterschiedlichen Angeboten könnten von der Kundenfrequentierung profitieren und sich im nahe gelegenen Iduna-Center ansiedeln.
Zur Wahrung des Stadtbildes „Waldparksiedlung“ soll der Baumbestand so weit wie möglich erhalten bleiben.
Freilich müssten zur Umsetzung des Vorhabens der Bebauungsplan für dieses Areal und auch die Verkehrsführung im Boxbergring im Bereich der Supermarktzufahrt geändert werden. Außerdem müssen im Zuge der Umnutzung des Geländes die 53 von den Bewohnern der umliegenden Hochhäuser genutzten Garagen umgesiedelt werden. Diese sind im Besitz dreier Wohnungsbaugenossenschaften.
Im November 2025 beschloss der Gemeinderat einstimmig, das Projekt in die städtische Vorhabenliste aufzunehmen. Alles in allem, so die Planer, sei dafür mit einer Vorlaufzeit von drei bis fünf Jahren zu rechnen. Deshalb benötigen die Boxberger ein zeitnahes Angebot zur Nahversorgung. Das sehen auch die vor Ort Gewerbetreibenden so (s. Em-Box 118, Seite 5).
Ein weiteres Problem ist die Poststelle. Sie fiel zusammen mit der Aufgabe des Markts im Iduna-Center weg. Da bei einer Renovierung im „nahkauf “ im September 2024 auch die Emmertsgrunder Poststelle schon weggefallen war, sind nun alle Bergbewohner zur Erledigung ihrer Postgeschäfte auf die Fahrt ins Tal angewiesen. Als naheliegende Übergangslösung für die Nahversorgung insgesamt könnte eine kurzfristige Nutzung des geschlossenen Ladens im Iduna-Center helfen.





