Vortrag im Augustinum über Steve Reichs Komposition „Different Trains“
Ein kleiner Junge steht da mit erhobenen Händen, seine Augen sind angsterfüllt. Zusammen mit anderen Menschen wird er von deutschen Soldaten aus einem Gebäude getrieben. Das Foto entstand 1943 während des Aufstands polnischer Juden im Warschauer Ghetto und ging später um die Welt. Als der US-Komponist Steve Reich die Aufnahme sah, fühlte er sich an sein eigenes Kindsein erinnert – eine Erfahrung, die ihn zur künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Holocaust und zu seiner berühmten Komposition „Different Trains“ inspirierte.
Als ein „vielschichtiges Werk, das mahnt und zum Nachdenken anregt“ stellte Max Hilker in einem kenntnisreichen Vortrag in der Seniorenresidenz Augustinum das ungewöhnliche Stück vor. Den Anlass bildete der Internationale Holocaust-Gedenktag 2026, zugleich war es der Auftakt einer Reihe zum 50-jährigen Bestehen des Augustinums, in der nach den Worten von Direktor Uwe Hinze Mitarbeiter des Hauses von ihren persönlichen Themen berichten. Für Kulturreferent Hilker ist die Komposition des 1936 in New York geborenen Steve Reich aktuell wichtiger denn je und enthält erschreckende Bezüge zur Gegenwart.
Die Klang- und Streichquartett-Collage mit eingespielten Geräuschen von Zügen, Stimmaufnahmen seines Kindermädchens, eines Zugschaffners und dreier Holocaust-Überlebender ist in drei Sätzen angelegt und dauert 27 Minuten. Wie Hilker erläuterte, gewann die als kleiner Junge gemachte Erfahrung des Eisenbahnfahrens für den aus einer deutsch-jüdischen Familie entstammenden Komponisten eine andere Dimension, als er sich bewusst machte, dass er als Jude „in andere Züge hätte steigen müssen“, wenn er zur Zeit des Nationalsozialismus in Europa gewesen wäre. Es waren die Züge nach Auschwitz und Treblinka.
Der musikalischen und inhaltlichen Dramatik, der ungeheuren Intensität des entgegen allen Hörgewohnheiten komponierten Stückes, das auch zu Gehör gebracht wurde, konnte man sich kaum entziehen. Ein denkwürdiger Abend im Augustinum, der still endet.
Text: Arndt Krödel

Foto: Arndt Krödel




